Vom Verlust des Glaubens und von den Eltern

Meine Eltern: Können sich nicht vorstellen, wie es ist, außerhalb der Glaubens-Blase zu leben. Sie können sich nicht vorstellen, wie ohne Gott, Jesus, Glaube ein schönes oder sinnvolles Leben möglich sein soll oder kann. Ohne Hoffnung auf ein Jenseits. Unvorstellbar für sie. Für sie ist Glauben wie Atmen. Man hört ja auch nicht einfach auf zu atmen, dann wäre das Leben zu Ende.

So war das für mich früher auch. Gott, Jesus, Vergebung meiner Sünden – der Glaube an das alles gehörte so zu meinem Leben dazu wie das Atmen. Es war für mich gar nicht vorstellbar, dass ich ohne all das leben könnte.

Ich habe lange Jahre gekämpft – für meinen Glauben. Habe darum gekämpft, einen Glauben zu finden, in dem ich ich selbst sein könnte, mich nicht verbiegen müsste, der Fragen und Zweifel zulässt, der mich als Person zulässt. Es war für mich überlebensnotwendig: Ich musste um diesen Glauben kämpfen, denn ein Leben ohne all das war für mich nicht vorstellbar – gleichzeitig konnte ich mit dem Glauben der da war, nicht länger leben.

Ich habe mich auf die Suche gemacht, nach einem neuen, anderen Glauben. Habe unterwegs viel erlebt. Was ich nicht erwartet hatte, als ich mich auf diese Reise begab: Dass ich meinen Glauben unterwegs verlieren könnte. Wobei verlieren nicht den Tatsachen entspricht, denn es war eine bewusste Entscheidung, den Glauben zurück zu lassen. Es fühlte sich am Ende nur noch wie unnötiger Ballast an.

Den ich vielleicht viel länger mit mir herumgeschleppt als nötig gewesen wäre. Das Perfide an der ganzen Sache war: Ich war damals überzeugt, dass Glauben wie Atmen ist. Dass es ohne nicht geht, dass ich ohne Glauben, ohne meine allerpersönlichste Beziehung zu Gott und Jesus nicht existieren kann. Das war die allergrößte Lüge, die sie mir von Kleinauf eingetrichtert hatten.

Ich weiß nicht mehr, wieviel Anlauf ich brauchte, um an den Punkt zu kommen, dass ich sagen konnte: Ich möchte das nicht mehr glauben. Das hat mich mit Angst und Schrecken erfüllt. Das hat meine ganze bisherige Welt nicht nur ins Wanken sondern zum Einsturz gebracht. Ich, bisher immer darum bemüht, Gott zu finden, entscheide mich bewusst dafür, dass es Gott nicht geben könnte. Ich biege ganz bewusst in die falsche Richtung ab. Ich treffe ganz bewusst, die eine Entscheidung, vor der mich alle mein ganzes Leben lang gewarnt hatten.

Das Schlimmste daran war: Ich war fast ganz alleine. Mein gläubiges Umfeld reagierte nur mit Unverständnis. Oder mit gut gemeinten Ratschlägen, die mich nur noch mehr in die Verzweiflung stürzten. Oder aber mit dem Betroffenheitsblick und einem dahingemurmelten Ich werde für dich beten. Danke. Hat geholfen! Beliebt war auch der Hinweis, dass manche Fragen einfach zu groß seien, dass man sie besser in Gottes Hand legen solle, dort seien sie besser aufgehoben. Das war eine Beleidigung für mich als denkenden, als suchenden Menschen.

Beliebte Tipps waren außerdem (ohne Rangfolge, ich hatte damals leider keine Strichliste geführt): Ich sollte über diesen oder jenen Bibelvers meditieren. Beliebt war der Hinweis auf Psalm 86,11. Verbunden mit der Anmerkung, dass Gott mir den Weg zeigt, ich ihn aber dann auch gehen müsse. Klar. Ich selbst bin an der ganzen Misere schuld, weil ich mich dem wahrhaftigen Weg verweigere, den Gott mir weisen will. Baut am Besten noch mehr Druck auf: Noch mehr in der Bibel lesen. Ich sollte mir vor Augen halten, dass Jesus all unser menschliches Leid durchlebt hat und mich deshalb versteht. Aber ich solle mich für den richtigen Weg entscheiden. Ich solle mehr beten. Und für mich beten lassen. Ich sollte mir diesen oder jenen Dämonen austreiben lassen, denn meine Verzweiflung sei das Ergebnis dämonischer Einflüsse, die mich in Verwirrung stürzten, so dass ich meiner selbst und der göttlichen, absoluten Wahrheit nicht mehr sicher sei. Ich müsse die Wahrheit wieder erkennen und die werde mich dann befreien – siehe auch Joh. 8,32.

Rückblickend denke ich, dass viele, mit denen ich damals innerhalb der christlichen Blase zu tun hatte, Angst hatten. Sie hatten Angst, von meinen Fragen und meinem Zweifel „angesteckt“ zu werden. Sie waren hilflos, denn ich hatte mich mit meinen Fragen schon auf „verbotenes Gelände“ begeben. Die angepriesenen Allheilmittel konnten hier nicht mehr ihre Wirkung entfalten. Manchmal spürte ich auch, dass ich als Bedrohung wahrgenommen wurde: Die war früher so wie wir, und wenn der das passieren kann, dann kann auch unsere kleine Glaubenswelt ins Wanken kommen.

Für mich war alles nur noch leer und verlogen. Und doch hielt ich noch ganz lange an alldem fest, weil ich Angst hatte. Vor den Konsequenzen. Davor, dass Gott mich bestrafen würde. Man gibt seinen Glauben nicht auf. Man hört auch nicht auf zu atmen. Den Glauben aufzugeben war für mich wie ein Sprung aus einem Flugzeug, ohne Fallschirm. Ich war mir sicher, dass ich als kleiner Matschfleck auf dem Boden der Tatsachen enden würde. Es war nur eine Frage der Zeit, wie lange es dauern würde, bis ich aufschlage.

Irgendwann war die Verzweiflung so groß und die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit so riesig, dass ich nicht mehr anders konnte, als mich aus dem Flugzeug zu stürzen. Ich hörte auf zu glauben. Ich hörte auf zu beten. Ich hörte auf in der Bibel zu lesen. Einfach so. Über Nacht. Das war die Nacht, in der ich meine Bibel in 1000 kleine Fetzen zerissen hatte. Das war meine Bibel, die mich über viele Jahre begleitet hatte, in der viele Verse, die für mich wichtig geworden waren säuberlich unterstrichen waren, die sich an manchen viel gelesenen Stellen von alleine aufschlug. Ich zerriss sie. Und es war gut so.

Der freie Fall nach dem Sprung ins Nichts: Nach einer Weile stellte ich fest, dass ich nicht drauf und dran bin, ein kleiner Matschfleck zu werden. Trotzdem war diese neue Freiheit schwer zu ertragen. Ich sehnte mich oft zurück in die vermeintliche Sicherheit, die mir Gott und der Glauben gegeben hatte. Dort hatte ich Antworten auf alle Fragen des Lebens parat gehabt – naja auf fast alle Fragen. Jetzt musste ich mir die Antworten selber geben. Was mich manchmal echt überforderte und auch immer wieder verzweifeln ließ. Es ist einfacher geworden mit den Jahren, das heißt nicht, dass ich heute auf alles eine Antwort hätte. Aber ich habe gelernt mit den Fragezeichen zu leben und manche Frage einfach unbeantwortet zu lassen.

Seitdem habe ich einen weiten Weg zurückgelegt. Was mich wieder zu meinen Eltern zurückkehren lässt. Sie sind immer noch in ihrem Glaubensuniversum. Haben sich innerhalb dieses Universums ganz sicher bewegt, aber sie wissen überhaupt nicht, wie es ist, außerhalb zu leben. Sie können sich das nicht vorstellen, denn sie haben ihr ganzes Leben in freikirchlichen Gemeinden verbracht, wie auch schon ihre Eltern und zum großen Teil auch ihre Großeltern. Meine Generation ist die erste, die in nennenswerter Zahl diese freikirchliche Selbstreproduktion sabotiert und aus dem evangelikalen Glaubenssystem ausbricht.

Meine Eltern verstehen mein Leben nicht, sie verstehen nicht, was mich heute bewegt, sie verstehen nicht, wie ich mich bewusst für die „falschen“ Dinge entscheiden könnte. Und das ist nicht nur ein Generationenkonflikt, weil sich die Welt weiterdreht, da geht es für sie um das wichtigste überhaut – um das ewige Leben.

Sie bringen ihre Missbilligung zwar nicht direkt zum Ausdruck, aber irgendwie steht es unausgesprochen immer zwischen uns, dass ich letzten Endes ins Verderben gehe. Dass ich – im übertragenen Sinne – spirituellen Selbstmord begangen habe und sie unendlich traurig darüber sind. Denn das Seelenheil ihrer Kinder war ihnen immer das Wichtigste. Unser körperliches Wohlbefinden wurde schon mal hinten angestellt, ob wir glücklich und zufrieden waren, spielte auch keine Rolle – Hauptsache: Die Beziehung zu Gott ist in Ordnung. Und das gehört genauso zum Leben dazu wie das Atmen. Sie verstehen nicht, wie ich einfach aufhören konnte zu atmen. Und trotzdem weiterleben kann.

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