Nicht mein Wille sondern Dein Wille geschehe…

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Als Kind und auch als Teenager fühlte ich mich oft unglücklich. Vor allem Sonntags. Ich kam aus der Kirche und habe mich in mein Zimmer eingeschlossen und erstmal hemmungslos geheult.

Was mich außerordentlich verwirrte. Wieso bin ich unglücklich, wenn wir es doch am besten haben? Ich kenne Gott und Jesus, habe eine Beziehung zu ihnen, rede (fast) täglich mit ihnen, und habe ein Ticket für die größte Party aller Zeiten, die später mal im Himmel steigen wird. Warum also bin ich unglücklich?

Erster Gedanke: Du glaubst nicht richtig. Du machst etwas verkehrt. Mit Dir stimmt etwas nicht. Alle anderen *wissen* dass sie gerettet sind, sie haben keine Zweifel, sind glücklich und froh in Gottes Gegenwart. Nur mir reicht das nicht. Also, der verzweifelte Versuch: Mehr Glauben, mehr beten, mich noch mehr auf Gott konzentrieren. Leider ohne großen Erfolg.

Nächster Gedanke: Dast ist eine Prüfung. Ein Test. Ob ich es wert bin, ein Teil von Gottes großer Familie zu sein. Und noch mehr Anstrengungen, weil ich mich würdig zeigen will. Weil Prüfungen mich schon immer angestachelt haben. Weil ich mein Bestes geben will.

Der nächste Gedanke: Ich muss mich auf Gott konzentrieren. Nicht auf meine Gefühle. Gefühle können lügen. Gott lügt nicht. Die Bibel lügt nicht. Also in der Bibel lesen. Die Wahrheit in meinen kleinen Kopf reinpressen. Und immer nur an die Wahrheit denken. Bis irgendwann mal die Gefühle die Wahrheit erkennen.

Der Gedanke dahinter: Wenn ich mich leer mache. Ein leeres Gefäß bin für Gott, für seine Liebe, für seine Herrlichkeit. Dann wird alles gut. Wenn ich keine eigene Meinung habe, keine eigenen Bedürfnisse, keinen eigenen Willen. Wenn ich meine Gefühle ignoriere, meine Ziele, Träume, Leidenschaften hinten an stelle. Wenn ich versuche „gut“ zu sein – gut nach der Vorstellung Gottes, der Gemeinde, meiner Eltern – dann wäre alles nicht mehr so traurig. Dann würde die Freude Gottes aus mir heraus und durch mich in die Welt strahlen. Was kann mir besseres passieren?

************************

Das sind nur ein paar Momentaufnahmen aus dem Leben einer heranwachsenden Pastorentochter im evangelikalen Paralleluniversum. Heute, viele Jahre später, macht es mich unendlich traurig. Wenn ich daran denke, wie sehr ich mich gequält habe. Wie allein gelassen ich war mit meiner Traurigkeit. Mit meiner Hilflosigkeit. Was ich alles versucht habe, um doch an die Quelle der Wahrheit zu kommen. Wer zur Quelle gelangen will, muss stromaufwärts schwimmen, sagten sie immer. Das ist anstrengend. Und herausfordernd. Also wundert euch nicht, wenn das Leben manchmal schwierig erscheint.

Klassischer Doublebind. Sie geben dir einen Haufen Probleme mit, und du bekommst auch gleich die Gründe für diese Probleme mitgeliefert. So dass du noch nicht einmal wagst, das Konzept an sich zu hinterfragen. Denn „wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir….“

Das sitzt. Das rückt die Perspektiven wieder zurecht. Ich nehme mich selbst viel zu wichtig. Ich muss mich selbst *noch* mehr verleugnen. Als ob ich das nicht schon mein ganzes Leben lang getan hätte. Aber anscheinend immer noch nicht genug.

Das ist zum Glück Vergangenheit.

Heute sehe ich diese Dogmen als das was sie sind: Manipulation, Indoktrination, Gehirnwäsche.

Das Selbst muss zerstört werden, denn das menschliche Selbst ist von grundauf schlecht.

Den eigenen Gefühlen kann man nicht vertrauen, denn auch diese sind schlecht und führen dich in die Irre.

Du kannst den eigenen Gedanken auch nicht vertrauen, denn auch diese sind schlecht.

Kurz: Alles, aber auch wirlich alles an dir ist schlecht.

Wenn du diese Grundannahmen mit der Muttermilch verinnerlicht hast, hast du keine Chance. Du entwickelst gar nicht genug Vertrauen in dich selbst oder in deine Fähigkeiten, um irgendetwas von diesem System aus sich selbst heraus zu hinterfragen.

Aber sie sind nett, sie bieten dir die Lösung gleich mit an: Denn also hat Gott die Welt geliebt… 

Du hast keine Chance als das zu akzeptieren, wenn du in diesem System aufwächst und nicht kaputt gehen willst. Tolle Liebe: Erst zerstören, dann völlige Unterwerfung fordern, und dann nach den eigenen Vorstellungen wieder aufbauen. Das ist Sadismus und totale Kontrolle. Da bleibt kein Platz für mich.

Die Konsequenzen spüre ich bis heute. Obwohl ich schon lange ausgestiegen bin aus diesem Paralleluniversum.

Banale Alltagsentscheidungen haben mich lange Zeit in Panik versetzt. Ich wusste einfach nicht, was *ich* will. Am schlimmsten war es, wenn  mich jemand ganz direkt gefragt hat: Was denkst du? oder Was willst du?
Panik. Rauschen in den Ohren. Der Blick ins Leere. Hände zittern. Schweiß aus allen Poren.
Und das nur, weil mich jemand fragt, ob ich jetzt lieber Pizza möchte oder Salat? Ob ich lieber diesen Film sehen will oder jenen? Weil ich nicht sagen kann oder will was meine Lieblingsfarbe ist?

Diskussionen an der Uni hatten mich total überfordert. Woher wissen die alle so genau, was sie meinen? Woher können die alle ihre Meinungen so sicher und von sich selbst überzeugt vertreten? Warum bin ich dagegen nur verwirrt und weiß nicht, was ich denke, geschweige denn sagen soll? Eine eigenen Meinung war in meiner Erziehung einfach nicht vorgesehen. Pech gehabt.

Mehr als 20 Jahre Selbstverleugnung haben ihre Spuren hinterlassen. Ich habe mich selbst nicht mehr gespürt oder wahrgenommen. Ich hatte die Selbstverleugnung so verinnerlicht, dass es oft auf Selbstverachtung hinauslief. Ich hatte von kleinauf gelernt, dass meine Wünsche und Bedürfnisse nichts zählen. Die anderen sind wichtig. Wenn ich Wünsche habe, dann muss ich sie für mich behalten. Irgendwann hatte ich keine Wünsche mehr und auch keine Bedürfnisse. Da war ich noch in der Grundschule.

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5 Gedanken zu „Nicht mein Wille sondern Dein Wille geschehe…

  1. Krings sagt:

    Hallo,

    bin gerade auf Deine Seite geraten, weil ich einen Vortrag zu „Gefahr und Ressource religiöser Orientierung in der Adoleszenz“ halten werde.
    Vorab oute ich mich: Ich bin katholischer Theologe, will Dich aber hier auf keinen Fall von irgendetwas überzeugen!
    Meine Frage ist: (Wie) Lässt sich Gott – vorausgesetzt es gibt ihn – als einen denken, der gerade NICHT menschliche Freiheit einschränken will? Bzw: Ich könnte nicht länger an einen Gott glauben, der über meine Freiheit hinweggeht.
    Danke also für Deine Beiträge, die nicht nur jedem christlichen Fundamentalismus, sondern auch naiver Gläubigkeit den heilsamen Zweifel vorhalten!

    • Hallo Krings,

      danke für deine Nachricht. Für mich lautet die Antwort auf Deine Frage ganz eindeutig NEIN. Das heißt nicht, dass das für alle so gültig sein muss. Ich kenne Menschen in meinem Umfeld (und das sind Menschen, die ich auch sehr schätze), die für sich sagen, dass gerade der Glaube an Gott ihnen eine größtmögliche menschliche Freiheit ermöglicht.

      Dass ich nicht mehr glaube, hat (unter anderem) genau den Grund den du nennst. Ein Gott, der meine Freiheit beschränkt, der mich unter Druck setzt – mir direkt oder indirekt die Pistole auf die Brust setzt, das kann für mich nicht funktionieren. Ein Gott, der sich selbst als gütig und gnädig inszeniert, aber gleichzeitig allen die Höchststrafe androht, die nicht nach seiner Pfeife tanzen, hat für mich keine Daseinsberechtigung mehr.

      Man könnte jetzt darüber diskutieren, ob das jetzt Gott an sich ist oder das Glaubenssystem, in dem ich aufgewachsen bin und das mir (durch Eltern etc.) vermittelt und übergeholfen wurde. Da nehme ich mir die Freiheit, ganz undifferenziert zu behaupten, dass das für mich alles eins ist. Weil es alles auch vermischt ist/war früher. Habe ich die Freiheit, den Glauben meiner Eltern offen abzulehnen und in Frage zu stellen, wenn ich als Kind von ihnen abhängig bin und auf ihr Wollwollen, ihre Anerkennung angewiesen bin? Welche andere Möglichkeit habe ich denn, als mich unterzuordnen, zu fügen, das Spiel mit zu spielen. Und wo bleibt dann die Freiheit der Entscheidung? Die gab es für mich nicht. Das war graue Theorie, Propaganda – die ich auch gerne aufgesogen (und auch weitergetragen) habe, bewies das doch, dass wir als Freikirchler „besser“ sind als die großen Kirchen, die Säuglinge taufen ohne sie vorher zu fragen. Ich habe damals als Teenager selbst den Wunsch geäußert, dass ich mich taufen lassen möchte. Aber eine freie Entscheidung war es trotzdem nicht.

      Zur Freiheit der Entscheidung habe ich kürzlich einen kleinen Videoclip eingestellt: Vom Freien Willen – aber den hast du wahrscheinlich schon angeklickt. Aber dieser Clip bringt meine Gefühle und Gedanken zu diesem Thema ganz gut auf den Punkt. Auch das Gefühl, unter Druck gesetzt und manipuliert worden zu sein. Der Glaube an Gott und Freier Wille – das schließt sich für mich gegenseitig aus.

      Im Rückblick kann ich auch sehr gut nachvollziehen, welche Gehirnakrobatiken ich vollführt habe/vollführen musste, damit ich selbst weiterhin glauben konnte, dass ich aus freien Stücken an Gott glaube. Widersprüche werden aktiv ausgeblendet. Man scheut sich davor, sie aktiv gedanklich zu durchdringen, denn was einmal gedacht wurde, kann nicht „ent-dacht“ werden: Es gibt keinen Weg zurück zur Unwissenheit. Es gibt verinnerlichte Tabus, Denkverbote. Man will ja auch weiterhin glauben, dass es (m)eine eigene, freie Entscheidung ist, Gott zu folgen. Denn die Konsequenzen, die es nach sich zieht, wenn ich nicht mehr glaube, wurden in den düstersten Farben immer wieder ausgemalt. Das ist das Schlimmste überhaupt. Die Wahrheit zu kennen und sie dann zu verwerfen ist noch schlimmer als sie nie erkannt zu haben… Das ist gewissermaßen eine der Türen, die man niemals öffnen darf.

      Nur irgendwann wurden die Widersprüche so groß, dass ich sie nicht mehr länger ignorieren konnte. Kognitive Dissonanz. Die Alternative wäre gewesen, diese Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit so zu schließen, dass ich mir die Wirklichkeit so zurechtbiege, dass sie meinen Ansprüchen mehr entspricht. Und das wäre eine Flucht vor der Wirklichkeit gewesen, nicht mehr und nicht weniger.

      Ich weiß nicht, ob das deine Frage (ein wenig) beantwortet?

      Viele Grüße von der Pastorentochter

      • Krings sagt:

        Hallo Pastorentochter,

        danke für Deine ausführliche Antwort!
        Ich habe nicht nur Respekt für Deine Entscheidung. Ich denke sogar, dass sie für Dein Leben wichtig und richtig war!

        Ich denke, dass es das Wesen des Menschen ist, die Frage nach sich selbst stellen zu können („was soll ich tun“, „was ist der Mensch“) – und deshalb aus zu „müssen“. Dieses Müssen ist kein externer Zwang, sondern er beruht auf unserer Fähigkeit, dass wir uns allem gegenüber – eben auch uns selbst – grundsätzlich verhalten können. Diese Fähigkeit der Selbstsetzung und Selbstbestimmung (oder Selbstgesetzgebung, wie Kant es sagen würde) ist uns nicht von keinem anderen her aufgegeben. Diese Fähigkeit des Immer-Verhalten-Könnens ist unsere Freiheit und Aufgabe zugleich. Es ist eine autonome Aufgabe, die uns verpflichtet, solange wir unsere Fähigkeit als Freiheit nicht leugnen wollen (was ja selbst ein Akt dieser Freiheit wäre).
        Das wäre ein philosophischer Zugang zu einem Freiheitsbegriff (wie ich ihn nachvollziehbar finde). In diesem Sinnen hast Du in Deiner Entscheidung entsprechend Deiner Fähigkeit gehandelt. Dir diese Fähigkeit klein bzw. abzureden ist zutiefst unmenschlich! Umso größer ist Deine Leistung, sogar aus so einer krassen Zwangssituation heraus noch zu diesem Schritt gefunden zu haben. Chapeau!!!

        Ich will jetzt nicht diskutieren, ob es Gott gibt oder nicht. Das ist ja auch gar nicht Dein Thema. Wichtiger ist mir, dass sich jede Religion den Anfragen der Aufklärung stellen muss. Dass sie den Menschen als Freiheit (sich eben selbst bestimmen und verhalten zu können) ernst nehmen muss. Positiv formuliert: Sie muss Menschen dazu ermutigen, den Schritt der Selbstbestimmung zu wagen! Dass der sich selbst bestimmende Mensch dabei nicht nur seine eigene Fähigkeit zur Selbstbestimmung entdeckt, sondern auch die eines jeden Menschen, ist wiederum nur eine autonome Erkenntnis, die ihm Orientierung für sein Handeln geben kann. Nie aber ist es ein von außen kommendes Gesetz, schon gar nicht eines, für den ein Gott instrumentalisiert wird.

        Was aber, wenn – mal angenommen – tatsächlich ein Gott diesen Menschen als Freiheit geschaffen hat. Würde er nicht alles dafür tun, dass sich Menschen dieser Freiheit bedienen, dass sie Freiheit leben.
        Nach meinem christlichem Verständnis war Gott diese Freiheit so wichtig, dass er sich **nicht** über sie hinweg gesetzt hat. Er hat sich ihr sogar ausgeliefert – mit der Konsequenz des eigenen Todes: Er hat sich selbst als einer bestimmt, der andere Freiheit ermöglichen will – egal wie die Reaktion ist. Aus dieser Perspektive versuche ich auch die vielen Stellen in der Bibel zu verstehen, in denen ein strafender und sich rächender Gott beschrieben wird. Das ist tatsächlich eine krasse Herausforderung für meine Perspektive – aber keine aussichtslose!

        Gruß
        Krings (was natürlich nur ein Pseudonym ist; Hermann Krings hat sich den Kopf glühend gedacht, wie Freiheit und System zueinander stehen)

        • Hallo Krings,

          habe deinen erneuten Kommentar leider erst heute gefunden. Dachte eigentlich, dass ich eine Mail-Benachrichtigung bekommen sollte. Hm.

          Habe gerade nicht viel Zeit, von daher nur kurz und knapp:

          Du schreibst:

          Wichtiger ist mir, dass sich jede Religion den Anfragen der Aufklärung stellen muss. Dass sie den Menschen als Freiheit (sich eben selbst bestimmen und verhalten zu können) ernst nehmen muss. Positiv formuliert: Sie muss Menschen dazu ermutigen, den Schritt der Selbstbestimmung zu wagen!

          Das ist der Anspruch, ja. Das hätte ich früher so auch für meinen Glauben so oder ähnlich formuliert. In meinen Augen war ich frei und selbstbestimmt.
          Bis ich dann anfing, Fragen zu stellen – Fragen die unbequem waren und nicht leicht zu beantworten.

          Und dann musste ich feststellen, dass es weniger um Freiheit geht, um Selbstbestimmtheit, um das Recht des/der Einzelnen über sein oder ihr Leben zu entscheiden. Sondern es geht um Macht, um Einfluss, um Kontrolle, um Geld…
          Wie überall im Leben, könnte man zynisch hinzufügen.

          Jedenfalls ist mir bisher keine Religion als „Glaubenssystem“ begegnet wo es nicht um diese Dinge gegangen wäre. Das heißt nicht, dass es nicht individuelle Menschen im System gibt, die sehr ernsthaft ihren Glauben leben. Das wird für mich aber immer wieder vom „System“ überlagert, und dort stehen Macht, Kontrolle usw. im Vordergrund. Und das bekommen auch die Einzelnen zu spüren, sobald sie sich nicht mehr systemkonform
          verhalten, Sand ins Getriebe streuen. Willentlich oder unwillentlich.

          Um vom System zur Gottheit zu kommen, die den Menschen mit Freiheit beschenkt. Das ist für mich Augenwischerei. Die Freiheit, die diese Gottheit vermeintlich schenkt, lässt uns wählen zwischen Glauben und Rettung auf der einen Seite. Und nicht Glauben und Verdammnis auf der anderen Seite. Da ist für mich nichts von Freiheit spürbar. Freiheit sollte ohne Zwang auskommen. Die Bibel ist aber voll davon, was denen widerfährt, die sich Gottes Angebot (oder auch seinem Willen) widersetzen…
          Wenn ich also glaube, dass die Bibel das Wort Gottes ist, und das was dort steht, in diesem Sinne ernst nehme, dann ist das für mich nicht mit Freiheit vereinbar.

          Klar, es gibt den formulierten Anspruch, dass erst durch Jesus wirkliche Freiheit ermöglicht werde… In meinen Augen unterscheidet sich aber dieser Freiheitsbegriff von der grundsätzlichen Entscheidungsfreiheit. Freiheit im biblischen Sinne ist ganz oft Freiheit von etwas. Von Sünde, von der Knechtschaft, von der Sklaverei. Um dann zu Knechten Gottes zu werden. Und ein Knecht ist nicht frei. Nicht wirklich. Er ist abhängig. Er kann nicht frei entscheiden. Er ist ein Leibeigener. Aber kein freier Mensch.

          Soweit erstmal.

          Viele Grüße.

          • Krings sagt:

            Hallo Pastorentochter,

            erstmal alles Gute für 2016 und danke für Deine letzte Antwort. Ich habe nicht gleich zurück geschrieben, denn ich wollte nichts erwidern, um Dir nicht auf die Nerven zu gehen. Außerdem hast Du 100% Recht, wenn man die eine Freiheit gegen eine andere Knechtschaft eintauschen müsste!!!

            Gestern habe ich aber einen Satz gelesen, der mir gefallen hat und bei dem ich an Dich/Deinen Blog denken musste: „Das Leben ist eine Gabe Gottes, die wir mit Mut, Kreativität und Phantasie füreinander riskieren müssen, und kein Kerker aus religiösen Geboten und gesellschaftlichen Konventionen.“ (Michael Schüßler in Anlehnung an Bischof W. Kasper).

            Ich versuche solche Aussagen erstmal ganz ohne Gott zu durchdenken (auch das „müssen“ will ich so nicht unterschreiben) und auf Plausibilität hin zu überprüfen: Wenn ein Mensch – komplett aus eigenem Entschluss, also aus Liebe – FÜR einen anderen Menschen etwas tut, will DIESEN groß und stark machen. Es ist ein komplett freiwilliger „Dienst“ FÜR den anderen, weil er ihn einfach liebt (und nicht weil er aus moralischen, religiösen oder anderen Gründen dazu gezwungen oder auch nur angeleitet wird). Ich selbst fühle mich nur wirklich wertgeschätzt, wenn ich nicht das Gefühl habe, für religiös-egoistische Motive eines anderen „missbraucht“ zu werden. Nur dann würde ich wirklich ernst gemeinte Freiheit als Geschenk (ohne doppelten Boden) erfahren – denn: sie wäre UNBEDINGT, also ohne jegliche Hintergedanken und Bedingungen.

            Was sich bei mir etwas pathetisch anhört, hat niemand schöner beschrieben als Max Frisch:
            > „Es ist bemerkenswert, daß wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, daß jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und daß auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis.“

            Das ist mein Verständnis von „Erlösung“. Max Frisch schreibt weiter:

            > „Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden: weil wir sie lieben; solang wir sie lieben. Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt -… Unsere Meinung, dass wir das alles kennen, ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muss es sein. Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.“

            Liebe ist diesem Sinne ist ein freiwilliger Verzicht FÜR den anderen (um des anderen willen). Wäre er aber von einem dritten erzwungen, egal ob Gott oder Mensch, wäre es keine Liebe mehr.

            Was, aber wenn Gott selbst uns dieses Freiheit unbedingt (also ohne wenn und aber) zusagt? Eine Bereitschaft alle unsere „Verwandlungen“ und Handlungen anzunehmen? Er uns also auch frei sein ließe, diese geschenkte Freiheit sogar gegen ihn zu verwenden (und noch nicht einmal dann auf Rache zu sinnen)?
            Das ist unvorstellbar – weil es unbedingte Liebe wäre. Und gerade das ist das, was mich am christlichen Glauben so fasziniert (solange man ihn nicht als Zwang, sondern RADIKAL als Freiheit denkt). Alles andere wäre nur billig!

            Was Du kennst, kenne ich auch. Und ich erlebe tagtäglich diese geschlossenen Erzählschemata – vielleicht nicht ganz so fundamentalistisch, aber doch naiv und abgeschwächt.
            Insofern bin ich Dir dankbar für den Stachel, den Du mit Deinem Blog setzt. Bleib dran! Ich hoffe, noch viele andere lassen sich von Dir herausfordern.

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